# Monday, July 20, 2009

Antwort auf die “Klage eines ungebackenen Entwicklers”

Ralf Westphal hat kürzlich einen Kommentar auf einen seiner dotnetpro-Artikel veröffentlich. Ich habe den Artikel noch nicht gelesen, allerdings möchte ich hier kurz Stellung zu dem Kommentar und Ralfs Antwort nehmen.

Ralf schreibt, dass er nicht verstehen kann, warum Betriebe Missstände in der Ausbildung, genauer der Berufsschule, nicht erkennen. Aus meiner Sicht liegt dies nicht nur darin begründet, dass in der Berufsschule keine “Experten” vorhanden sind. Dies wird sich wahrscheinlich von Schule zu Schule und auch von Lehrer zu Lehrer unterscheiden. Ich sehe das Problem viel mehr bei der Instanz, welche die Lehrpläne erstellt.

Ich erinnere mich daran, dass meine Berufsschullehrer immer sagten, die Schule habe auch eine allgemeinbildenden Lehrauftrag. Somit standen auch Sport, Religion oder Deutsch auf dem Plan. Im eigentlichen Lehrplan werden darüber hinaus ebenfalls Kenntnisse gefordert, die mit dem eigentlichen Beruf nichts zu tun haben. Wie man den Müll trennt, ist meines Erachtens nach nicht unbedingt ein Thema, was in einer Berufsausbildung thematisiert werden muss. Dies sollte eigentlich vom Elternhaus erledigt werden. In dieser Art sind einige Punkte im Lehrplan enthalten, die auf die (Berufs-)Schule “abgeschoben” wurden.

Dass die Ausbildungsbetriebe die Missstände nicht erkennen, möchte ich noch nicht einmal unterstellen. Ich sehe viel mehr eine Resignation in den Betrieben, da eine Einflussnahme nur sehr eingeschränkt möglich ist. Diese Einflussnahme wird dadurch erschwert, dass die Betriebe oftmals nur eine sehr geringe Anzahl Auszubildender in die Berufsschulen entsenden. Ich persönlich habe eine sehr gute betriebliche Ausbildung genossen, hatte einen sehr engagierten Ausbilder und auch einen Ausbildungsbetrieb, der immer wieder mit der lokalen IHK in Kontakt getreten ist, um auf grobe Missstände hinzuweisen. An den Ausbildungsinhalten selbst ist jedoch für einen mittelständischen Betrieb mit damals knapp 60 Mitarbeitern nichts zu ändern. Diese werden von den großen Betrieben, der Telekom und der Lufthansa, mit maßgeblich beeinflusst, wenn nicht gar diktiert. Und so richten sich hinderte Betriebe nach den Vorgaben einiger weniger. So lange dieser Missstand existiert, kann die betriebliche Ausbildung nicht das leisten, was man eigentlich von ihr erwarten sollte.

Natürlich steht es jedem Ausbildungsbetrieb frei, seine Azubis nicht in die Berufsschule zu entsenden, sondern sie selbst “vollständig” auszubilden. Aber oftmals bleiben dabei einige Themen aus der Strecke, die einen Großteil der Prüfung ausmachen, die weiterhin nur vor der IHK abgelegt werden kann. Welche kleine IT-Bude kann seine Azubis schon umfassend in die Warenwirtschaft einführen? Welcher Ausbilder ist in der Lage, seinen Schützlingen eine Mindestlagermenge oder eine chaotische Lagerung zu beschreiben? Welcher Betrieb hat überhaupt die Möglichkeit, einen Ausbilder so weit freizustellen, dass er den schulischen Part der Ausbildung übernehmen kann. Dies alles sind Probleme, die ein kleines oder mittelständisches Unternehmen an die Berufsschule binden, bei der sie ebenfalls nicht das Gewicht haben, eine “sinnvollere” Ausbildung einzufordern.

Monday, July 20, 2009 8:44:00 PM (W. Europe Daylight Time, UTC+02:00) #  Comments [2] | Trackback
Tuesday, July 21, 2009 8:55:35 AM (W. Europe Daylight Time, UTC+02:00)
Sicher ist die berufsschulische Ausbildungsqualität unterschiedlich. Es gibt engagierte Lehrer. Das Problem ist aber - wie es in deinem Beitrag ja auch anklingt - ein System, in dem die Lehrpläne von Menschen gestaltet werden, die keine unmittelbare Erfahrung mit dem Metier haben. Das sind Menschen in Behörden und Menschen in großen Organisationen.

Hinzu kommt der Anspruch, auch noch in einer Berufsschule allgemeinbildend wirken zu wollen. Dass Allgemeinbildung wichtig ist, halte ich für unzweifelhaft. Aber genauso unzweifelhaft scheint mir, dass irgendetwas am Ende auf der Strecke bleibt. Das Problem scheint mir in einer mangelnden Separation of Concerns zu liegen: hier versucht ein Institut - nehmen wir weiterhin die Berufsschule - zuvielen Herren zu dienen.

Gerade deshalb habe ich ja in meiner dotnetpro-Kolumne geschrieben, dass ich die Zukunft guter Entwickler in einer Zusatzausbildung in den Unternehmen sehe. Für das Fachliche können sie sich nicht auf die Berufsschule verlassen. So einfach ist das. (Berufs)Schule, BA, FH, Uni: Sie alle bilden nur ganz allgemeine Fachlichkeiten aus. Das liegt an ihrem offenen Anspruch oder an einer versteckten Unmöglichkeit, etwas anderes zu leisten. Egal. Es ist Fakt. Am Ende kommen keine guten .NET-Entwickler heraus, die im Betrieb einfach eingesetzt werden können.

Und dann? Wenn so ein allgemein Gebildeter dann in einen Betrieb kommt, der keine Zeit haben will für konkrete Ausbildung oder keine didaktische Kompetenz... was dann? Hier sehe ich ein mangelndes Bewusstsein in den Betrieben. Sie klagen diffus über alles mögliche - aber er kennen nicht, dass sie oft schlicht unter einem enormen Defizit an fachlicher Kompetenz leiden. Und weil sie das nicht erkennen, wollen sie schon gar nicht Abhilfe schaffen. Sie glauben an die Qualität "des Ausbildungssystems" - leider oft vergeblich. Das ist zunächst tragisch - aber je länger sich die Situation fortsetzt, desto mehr wird aus Tragik schlichte Dummheit.

Vieles könnte getan werden, vieles müsste getan werden. Betriebe könnten sehr einfach schlicht erstmal Zeit für Weiterbildung allozieren. Ja, trotz und wegen der Projektlast. Betriebe könnten sich dann überlegen, wie sie eigenverantwortlich diese Zeit füllen (helfen). Entwickler sollten auch ihren Teil dazu tun und sich überlegen, wie sie verantwortungsvoll mit solcher Bildungszeit umgehen. Nicht nur für ihren Betrieb jetzt, sondern für ihre Familien in der Zukunft. Denn wer heute 28 ist und sich die nächsten 10 Jahre mit Verweis auf die Behinderungen durch den Betrieb nicht fortbildet, der treibt offenen Auges Raubbau an seiner Verdienstfähigkeit. Und schließlich könnte es doch lohnen, mal über einen Verband nachzudenken, um auch anderen als Telekom & Co eine Stimme bei den Lehrplänen zu verschaffen.

-Ralf
Thursday, September 03, 2009 10:29:59 PM (W. Europe Daylight Time, UTC+02:00)
Was macht eigentlich so einen Feld-Wald-Wiesen Compiler aus? Und ein Linker wird eh überbewertet!
Dafür kann ich aber ein IP-Paket auf Rechenkästchen-Papier fragmentieren und weiß das ein eingefrorener menschlicher Embryo ich erben kann.
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