# Saturday, October 01, 2011

Mocking von SerialDataReceivedEventArgs

Neulich stand ich vor dem Problem, dass ich eine Klasse mit Hilfe von Unit-Tests testen wollte, die einen seriellen Port verwendet. Zum einen implementiert System.IO.Ports.SerialPort kein Interface, welches zur Erstellung eines Mock-Objekts genutzt werden kann. Dies lies sich aber dadurch umgehen, dass ich ein entsprechendes Interface mit allen öffentlichen Membern von SerialPort manuell erstellt habe, um dieses Interface dann von einem Wrapper, der von SerialPort ableitet, implementieren zu lassen. Die zu testende Klasse nutzt nun den SerialPort nicht mehr direkt, sondern bekommt eine entsprechende Instanz, welches das Interface implementiert, per Konstruktorinjektion zur Verfügung gestellt. Somit ist es auch möglich, der Klasse ein Mock-Objekt zu injizieren.

Allerdings stand auch schon das nächste Problem parat. Die zu testende Klasse registriert sich auf das DataReceived-Event des SerialPorts. Wenn Daten empfangen werden, wird über die EventType-Eigenschaft der übergebenen SerialDataReceivedEventArgs ermittelt, ob es sich bei den empfangenen Daten um Nutzdaten oder das EOF-Zeichen handelt. Auf EOF reagiert die zu testende Klasse und liest den Empfangspuffer aus. Um dieses Verhalten testen zu können, muss der gemockte serielle Port also ein Event mit entsprechendem EventType werfen. SerialDataReceivedEventArgs stellt jedoch keine Konstruktorüberladung bereit, die einen Parameter vom Typ EventType akzeptiert. Auch ist der EventType einer Instanz nicht schreibbar. Somit ist es nicht ohne weiteres möglich, ein Testevent zu erzeugen.

Abhilfe schafft hier Reflection. Man holt sich zuerst die Informationen über den nicht öffentlichen Konstruktor, der den benötigten Parameter enthält, um ihn anschließend mit dem korrekten Wert aufzurufen:

ConstructorInfo constructor = typeof (SerialDataReceivedEventArgs).GetConstructor(
    BindingFlags.NonPublic | BindingFlags.Instance,
    null,
    new[] {typeof (SerialData)},
    null);

SerialDataReceivedEventArgs eventArgs = 
    (SerialDataReceivedEventArgs)constructor.Invoke(new object[] {SerialData.Eof});

Geschwindigkeitsrekorde wird man mit dieser Art der Instanziierung sicher nicht brechen, aber für einen Unit-Test ist es ein gangbarer Weg.

Saturday, October 01, 2011 2:08:00 PM (W. Europe Daylight Time, UTC+02:00) #  Comments [0] | Trackback
# Saturday, December 11, 2010

Der Klimaleugner, das lustige Wesen

Manchmal denke ich, dass die Leugner des Klimawandels, verkürzt auch Klimaleugner genannt, doch auch nur putzige Wesen sind, die es eigentlich zu erhalten gilt. Wer sollte uns sonst mit solch amüsanten Wortwechseln beglücken? Einen sehr netten möchte ich hier kurz nachzeichnen.

Der Aufhänger

In Tweetdeck rollte mal wieder das Icon der Klimaleugnerin _JennyGer_ in der Spalte Klimawandel an mit vorüber. Da sie mir schon vor einigen Tagen aufgefallen war, las ich ihren Tweet. Dieses Mal hatte sie den Aufmacher des Focus Nr. 48/2010, in dem eventuelle positive Effekte des Klimawandels thematisiert werden, als Bestätigung ihrer Meinung ausgemacht:

_JennyGer_: Umdenken: Wieso die globale Erwärmung gut für uns ist

Mit diesem Tweet verlinkte sie auf den Teaser zum Titelthema auf der Focus-Webseite. Meine Aufmerksamkeit war geweckt.

Das Thema

Da sie diese Statements unter dem Deckmantel der Piratenpartei abgibt (sie führt das schwarze Piratensegel in ihrem Profilbild), fragte auch kurzerhand jemand, wie denn die allgemeine Meinung der Piraten zu diesem Thema sei. _JennyGer_ legte verschärfend nach:

_JennyGer_: Im Ernst, wie stehen die #Piraten zum bisher extrem teuren aber folgenlosen Klimawandel ?

Damit begab sie sich auf Glatteis. Wie teuer war denn der Klimawandel bisher? Diese Frage abschließend zu beantworten ist unmöglich. Beispielweise kennt man zur Zeit weder den Wert des Biosystems an sich noch die bisherigen Folgen des Klimawandels auf ebendiesen Wert. Und dies ist nur ein Grund, warum die Kosten des Klimawandels nicht bekannt sind. Aber es gibt trotzdem Leute, die genaue Zahlen kennen:

_JennyGer_: er kostet global 800 Mrd EUR pro Jahr - das wäre ca. 1 Essen täglich für jedes "arme" Kind

Das ist erst einmal eine Behauptung. Nun muss sie verifiziert werden. Woher stammt diese Zahl?

_JennyGer_: mal irgendwo gelesen. keine ahnung obs stimmt.

Damit sie bei der nächsten Diskussionsrunde mit etwas mehr Fachwissen antreten kann, verwies ich sie auf den vielzitierten und auch vieldiskutierten Stern-Report. Und nun begann der eigentlich lustige Teil der Diskussion:

_JennyGer_: ich mag den Stern nicht lol - die schreiben immer nur was die Regierung diktiert - bevorzuge den Focus

Ich hatte den Stern-Report stillschweigend als bekannt vorausgesetzt, schließlich ist es eine der wichtigsten und umfangreichsten ökonomischen Studien zu diesem Thema. Ich wies darauf hin, dass es hier nicht um die deutsche Zeitschrift Stern, sondern um den britischen Ökonom Sir Nicholas Stern, ehemaliger Chefökonom der Weltbank und Vorsitzenden des volkswirtschaftlichen Dienstes der britischen Regierung. Die Antwort kam prompt:

_JennyGer_: Ich glaube Wissenschaftlern mehr als einem Angehörigen einer Regierung

Sir Stern ist tatsächlich Angehöriger der britischen Administration. Aber eben als Vorsitzender des volkswirtschaftlichen Dienstes. Er ist aber auch Professor an der London School of Economics. Man könnte ihn also durchaus Wissenschaftler nennen. Allerdings war wohl nun die Faktenlage zu erdrückend, sodass _JennyGer_ schweigend die Diskussion beendete. Vor dem Hintergrund eines ebenfalls in dieser Diskussion getätigten Tweets sehr vielsagend:

_JennyGer_: "Meinungsvielfalt" heißt doch auch, dass man Kritikern zuhört, die nicht dem politischen IPPC angehören?

Damit meint sie wirklich nur, dass man Kritikern zuhören soll. Wissenschaftlern außerhalb des IPCC, welche den Klimawandel bestätigen oder zumindest nicht leugnen, wie Sir Stern es einer ist, müssen die Klimaleugner wohl nicht zuhören.

Resümee

Ich habe mich oft gefragt, ob es sinnvoll ist, sich mit Leugnern des Klimawandels anzulegen, da sie oftmals die Fakten einfach nicht anerkennen. Es gibt ja mittlerweile immer mehr Klimaforscher, die die Meinung vertreten, ein Dialog mit den Leugnern wäre nicht möglich, da sie einfach nicht für Argumente zugänglich sind und den wissenschaftlichen Diskurs als Scharlatanerie und Marionettentheater abtun. Ich kann durchaus verstehen, dass der ein oder andere Wissenschaftler in einem solchen Kampf gegen Windmühlen irgendwann den Antrieb verliert. Jedoch denke ich, wenn schon nicht die Leugner von der wissenschaftlichen Evidenz zu überzeugen sind, so sollten doch zumindest den Argumenten der Leugner die Fakten entgegengesetzt werden. Oftmals lohnt es sich, da nur dadurch offensichtlich wird, wie wenig die Leugner tatsächlich von dem Themenkomplex wissen.

Saturday, December 11, 2010 11:36:00 PM (W. Europe Standard Time, UTC+01:00) #  Comments [1] | Trackback
# Saturday, October 30, 2010

Nebeneinkünfte der Bundestagsabgeordneten aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein

Die Open Data Initiative bringt immer mehr nette Visualisierungen und Auswertungen von Daten in Umlauf. Heute bin ich auf eine Karte gestoßen, die die Nebeneinkünfte der Bundestagsabgeordneten darstellt.

Speziell der Kreis Siegen-Wittgenstein hält einige Überraschungen bereit, einiges ist allerdings leider zu vermuten gewesen:

Sowohl Willi Brase (SPD) als auch Volkmar Klein (CDU) sollen über keine Nebeneinkünfte verfügen. Das finde ich erstaunlich, wobei diese Überraschung auch vorherrschenden Stereotypen geschuldet sein kann. Ganz und gar nicht überraschend ist jedoch, dass Helga Daub (FDP), die Waffenlobbyistin aus Wilnsdorf, jährlich geschätzt 42.000 ? nur an Nebeneinkünften einnimmt. Lustiges Detail am Rande: Frau Daub stammt aus der Hotelbranche.

Saturday, October 30, 2010 7:51:00 PM (W. Europe Daylight Time, UTC+02:00) #  Comments [0] | Trackback
# Saturday, October 09, 2010

Politische Phrasen – Außerhalb der Reihe

Gerade lief mir ein Haiku von Hiltrud Querl in "Die Zeit der Leser" über den Weg, das sehr schön in die Reihe "Politische Phrasen" passt:

Wir, gut aufgestellt,
sind fest davon überzeugt:
In trocknen Tüchern!

Saturday, October 09, 2010 4:06:00 PM (W. Europe Daylight Time, UTC+02:00) #  Comments [0] | Trackback
# Saturday, September 18, 2010

Politische Phrasen #4 – Alles deutet darauf hin, dass…

.der Sprecher dieser Phrase eigentlich nichts mit Sicherheit sagen kann. Vielmehr vermutet er lediglich, dass etwas so ist. Und da er auch keine Angaben über die Quelle seiner Vermutungen machen kann, sagt er, dass einfach alles auf etwas hindeute. Oftmals wird diese Phrase bei Themen verwendet, die sich keiner allzu großen Beliebtheit erfreuen. Denn hinter einem solchen Satzanfang kann man sich gut verstecken, impliziert schließlich die Phrase, dass nun nicht die Meinung des Sprechers, sondern ein allgemeiner Konsens folgt.

Die Phrase soll also einer unbegründeten persönlichen Vermutung Plausibilität und Anerkennung verleihen.

Saturday, September 18, 2010 8:53:00 PM (W. Europe Daylight Time, UTC+02:00) #  Comments [0] | Trackback
# Monday, September 13, 2010

Politische Phrasen #3 – Wir müssen eine gemeinsame Lösung finden

Der (gefühlte) Lieblingssatz unserer Bundeskanzlerin. Doch was will sie uns damit eigentlich sagen? Handelt es sich hier nur um einen Gemeinplatz? Eine leere Wortkombinationshülse? Wahrscheinlicher ist, dass man mit dieser Phrase von der eigenen Entschlussunfähigkeit ablenken will. Getreu dem Motto "Ich wollte eine gemeinsame Lösung finden, nur die Anderen nicht." wird die Verantwortung für ein eventuelles Scheitern den an der Konsensfindung Beteiligten zugeschoben.

Kurzum: Bereits bei der Entdeckung eines Problems wird dessen Nichtlösung bei anderen abgeladen. Reine politische Überlebenstaktik.

Monday, September 13, 2010 7:31:00 PM (W. Europe Daylight Time, UTC+02:00) #  Comments [0] | Trackback
# Friday, September 10, 2010

Politische Phrasen #2 – Das wird man doch wohl noch sagen dürfen

Eine allgemein anerkannte und durchaus korrekte These aus einer nicht anerkannten und durchaus falschen oder polemischen Argumentationskette herauszupicken und diese These isoliert mit der Phrase "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen" wiederzugeben, zielt darauf ab, dass andere Personen die falsche Argumentationskette als richtig ansehen.

Erzeugt wird diese Fehleinschätzung dadurch, dass der Politiker sich entrüstet über die Kritik an seiner Argumentation zeigt, die seiner Meinung nach doch auf einer vollkommen korrekten These aufbaut und somit nicht falsch sei kann. Getreu dem Motto "Wie kann eine Argumentationskette falsch sein, wenn mindestens ein Argument der Kette richtig ist" wird ein korrekter Sachverhalt so dargestellt, als hätte ihn jemand angezweifelt, um gleich darauf umso vehementer die Korrektheit des isolierten Sachverhalts zu bestätigen. Durch die Vehemenz wird nun beim späteren Leser/Seher das Gefühl erzeugt, der Politiker wäre falsch verstanden worden. Auch wenn der Leser/Seher den korrekten Sinn der falschen Argumentationskette korrekt verstanden hat und mit der Schlussfolgerung nicht einverstanden ist, wird ihm umgehend der Wind aus den Segeln genommen, da der Politiker ja offensichtlich falsch verstanden wurde.

Diese Phrase dient also dazu, eine falsche Schlussfolgerung durch umso lautere Entrüstung über eine nicht erfolgte Unterstellung zu legitimieren.

Friday, September 10, 2010 6:58:00 AM (W. Europe Daylight Time, UTC+02:00) #  Comments [0] | Trackback
# Thursday, September 09, 2010

Der Förderfondsvertrag der Atomlobby

Herr Dr. Martin Schmitz brüstete sich ja kürzlich damit, den zuständigen Staatssekretär des nachts aus dem Bett geklingelt zu haben, damit dieser ihm seinen in alle Eile zusammengezimmerten Vertrag unterschreibe. Der Inhalt dieses Geheimvertrags war jedoch geheim, sodass niemand wusste, was die Regierung mit der Atomlobby ausgeheckt hatte. Nun liegt der Vertrag Greenpeace vor.

Der Vertrag beschäftigt sich mit den Regularien eines Förderfonds, in den die vier kernkraftwerksbetreibenden EVUs einzahlen sollen. Ziel des Fonds ist die Förderung einer nachhaltigen Energieversorgung.

Ab 2017 wird pro eingespeister MWh ein Betrag von 9 Euro fällig. Dieser Betrag ist an den Verbraucherpreisindex mit Basis 2005 gekoppelt. Auch ist er abhängig vom Preis des an der Strombörse gehandelten German Baseload Futures. Verlässt der Preis dieses Futures bestimmte Toleranzen, wird der Betrag ebenfalls angepasst.

In den Jahren 2011 und 2012 zahlen die großen Vier in Vorleistung 300 Mio. Euro, 2013 bis 2016 jeweils 200 Mio. Euro. Diese Beträge werden auf den ab 2017 zu leistenden Förderbeitrag angerechnet und sind nicht rückerstattbar. Allerdings muss der Betrag nur dann geleistet werden, wenn die Brennelementesteuer 2,3 Mrd. Euro p.a. nicht übersteigt. Alles darüber vermindert die Steuerlast im Folgejahr (maximal 2,3 Mrd. Euro), der gegebenenfalls darüber hinausgehende Restbetrag wird von den Vorausleistungen abgezogen.

Auch verringert sich der Förderbetrag, wenn die Investitionen, die nötig sind, ein Kraftwerk an neue Sicherheitsstandards anzupassen, 500 Mio. Euro überschreiten. Diese Klausel ist geschickt eingesetzt, da schon fast sicher ist, dass der Betrag überschritten wird. Im gleichen Kapitel ist ein Satz enthalten, der noch ungeheuerlicher ist:

Der Förderbeitrag mindert sich [..] wenn eine anderweitige Steuer, Abgabe oder sonstige Belastung eingeführt, begründet oder erhöht wird, durch die eine Zahlungspflicht im Zusammenhang mit dem Kernbrennstoffkreislauf (einschließlich Entsorgung) [..] begründet oder erhöht wird.

Kurz gesagt, sollten die großen Vier an der Beseitigung des Atommülls oder der Reinigung der Asse beteiligt werden, wird das vom Förderbeitrag abgezogen.

Das dieser Vertrag schnellstmöglich unterzeichnet sollte und der Öffentlichkeit vorenthalten werden sollte, versteht sich angesichts des Inhalts nur zu gut.

Thursday, September 09, 2010 5:38:00 PM (W. Europe Daylight Time, UTC+02:00) #  Comments [0] | Trackback

Politische Phrasen #1 – Ich bin davon überzeugt, dass…

Der Satzbeginn "Ich bin davon überzeugt, dass." wird immer dann verwendet, wenn man kein stichhaltiges Argument anführen kann. Mit dieser Phrase wirft man statt eines Arguments sein persönliches Ansehen in die Waagschale. Somit wird jeglicher Diskussion die Grundlage entzogen, da sie zwangsläufig nicht mehr auf der Sachebene, sondern auf der persönlichen Ebene geführt wird.

Diese Phrase wird häufig von gewählten Personen verwendet. Amts- und Mandatsträger nutzen die Tatsache, dass sie gewählt wurden, als Bestätigung jeglicher Position. Ihre persönliche Überzeugung muss qua electio zwangsläufig der Überzeugung der Mehrheit entspricht.

Thursday, September 09, 2010 11:25:00 AM (W. Europe Daylight Time, UTC+02:00) #  Comments [0] | Trackback
# Friday, August 27, 2010

Die Strohmänner der Energiewirtschaft

Vor einigen Tagen schalteten die großen vier Energiekonzerne eine ganzseitige Anzeige in mehreren deutschen Tageszeitungen. Im Kern ging es darum, mit geschickt formulierten Sätzen den Eindruck zu erwecken, eine Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke wäre unumgänglich. Andernfalls würde die Lebensgrundlage in Deutschland in Gefahr geraten.

Damit die vier Großen nicht der ungezügelten Polemik beschuldigt werden können, wurde der "Energiepolitische Appell" durch den eigens gegründeten Verein Energiezukunft für Deutschland e.V. i.G. herausgegeben. Der Vorstand des Vereins besteht jedoch aus dem Atomlobbyisten Manfred Haberzettel, gesteuert durch EnBW, dem durch E.ON versorgten Gerrit Riemer und Stephanie Schunck, die auf der Gehaltsliste von RWE zu finden ist. Somit hätte man gar nicht erst einen "Verein" gründen müssen, sondern hätte direkt die Namen der Konzerne unter den Aufruf setzen können.

Der Name allein ist schon eine Farce. Stößt er doch viele mittelständische Unternehmen und Stadtwerke vor den Kopf, die ihre getätigten Investitionen und teilweise auch ihre Existenz durch die Laufzeitverlängerung und die Lobbyarbeit der großen Vier bedroht sehen. Doch damit nicht genug. Um dem Appell einen Anstrich von Seriosität zu geben, ließen ihn die Energiekonzerne durch Strohmänner unterzeichnen. So wird ein breiter gesellschaftlicher Rückhalt simuliert.

Prominentes Mitglied der Strohmänner ist Oliver Bierhoff, ehemaliger Fußballprofi und nun Manager im DFB. Dessen Vater war jahrelang Vorstandsmitglied von RWE. Der DFB selbst ist allerdings von den Eskapaden Bierhoffs und der Atomwirtschaft nicht sehr begeistert. Klammheimlich wurde daraufhin der Titel Bierhoffs von "Manager der Fußball-Nationalmannschaft" zu "Fußball-Manager" geändert.

Der ehemalige Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, Wolfgang Clement, unterzeichnete den Appell ebenfalls. Im Jahre 2002 hatte er als Mitglied des SPD-Bundesvorstands noch zusammen  mit Gerhard Schröder den Atomausstieg auf den Weg gebracht. Nun ist Herr Clement allerdings Mitglied des Aufsichtsrates der RWE Power AG und somit gegen den Atomausstieg. Von seiner Sachkenntnis konnte man sich am 27.08. bei Frank Plasberg in der Sendung "Hart aber fair" überzeugen. Wolle man Deutschland mit regenerativen Energien versorgen, müsse nach seiner Aussage die Nordsee derart mit Windkraftanlagen zugepflastert werden, dass eine Schifffahrt nicht mehr möglich sei. Auch Das Wattenmeer wäre dann zerstört, von Naturschutz könne keine Rede sein. Den Appell hat er übrigens nicht als Vorstandsvorsitzender der RWE Power AG, sondern als Ministerpräsident und Bundesminister a.D. unterzeichnet.

Wolfgang Hermann, der als Präsident der TU München den Appell unterzeichnet hat, unterschlägt seinen Aufsichtsratsposten bei der E.ON Energie AG.

Kurt Joachim Lauk, langjähriges Vorstandsmitglied der VEBA-AG (heute E.ON), unterzeichnet als Wirtschaftsrat der CDU.

Friedrich Merz, der als Rechtsanwalt unterzeichnet, sitzt im Verwaltungsrat von BASF Antwerpen N.V. BASF wird auch direkt durch den BDI-Vizepräsidenten Jürgen Hambrecht repräsentiert.

Neben Personen, die ihren Arbeitgeber ohne dessen Zustimmung als "unterstützende Organisation" angeben, und Personen, die ihre Verbindung zu den initiierenden Unternehmen unterschlagen, gibt es allerdings auch noch Personen, die als Unterzeichner geführt wurden, obwohl sie dem widersprochen haben. So geschehen mit dem Vorsitzenden der IG BCE, Michael Vassiliadis. Dieser entschied sich dazu, seinen Namen nicht für die Atomlobby herzugeben. Dies hinderte die Verantwortlichen jedoch nicht daran, Michael Vassiliadis trotzdem in der Unterstützerliste aufzuführen. Mittlerweile ist sein Name jedoch ohne weitere Hinweise von der Internetseite des Appells entfernt worden. Ganz im Gegensatz zu dessen Ersatz, Anne Lauvergeon von Areva. Die Gründerin des französischen Nuklearkonzerns wird explizit als nachträglich gewonnen Unterstützerin angepriesen.

Betrachtet man die Branchenzugehörigkeit der Unterzeichner, so fällt auf, dass diese nur einen kleinen Teilbereich der deutschen Wirtschaft vertreten. So ist die Energiewirtschaft, einige Chemiekonzerne und die Stahlwirtschaft vertreten, vornehmlich also energieintensive Wirtschaftszweige. Über allem schwebt der BDI als Lobbyvereinigung. Dagegen haben die innovativen Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus sowie der komplette Mittelstand sich nicht an der Aktion beteiligt. Schließlich ist der Anlagenbau weltweiter Innovationsführer der regenerativen Technologien, die das Potenzial haben, den großen Vier das Wasser abzugraben. Und der Mittelstand ist der Wirtschaftsbereich, der durch dezentrale Energiekonzepte immer stärker an der Vormachtstellung der Energiekonzerne nagt. Wenig verwunderlich also, dass sich dort keine Strohmänner rekrutieren ließen.

Friday, August 27, 2010 3:08:00 PM (W. Europe Daylight Time, UTC+02:00) #  Comments [0] | Trackback